Lehre während der Pandemie

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Vier Wochen nach Beginn des Frühjahrssemesters 2020, am 16. März, setzte die ETH Zürich den Präsenzunterricht aus. Seit mehr als einem Jahr haben die Studierenden die Hörsäle der ETH nicht mehr betreten. In diesem Blogbeitrag möchte ich einen persönlichen Rückblick auf unsere Lehrtätigkeit in diesem Jahr geben, mit einigen Ideen zu möglichen langfristigen Lehren aus der Pandemie.

Präsenzunterricht eingestellt

Am 13. März 2020 fiel der Entscheid des Bundesrats, alle Hochschulen zu schliessen.Was rückblickend erwartbar wirkt, kam für viele von uns damals überraschend. Auch wenn unsere Schulleitung bereits am Vortag die Einstellung des Präsenzunterrichts beschlossen hatte – wir wurden am 12. März 2020, 21:27 Uhr, durch die Rektorin informiert – mussten wir über ein Wochenende unseren gesamten Unterricht umstellen, u. a. Webcams und Mikrofone beschaffen, eine geeignete Online-Lehrplattform festlegen, Alternativlösungen für die Tafel finden und vieles mehr. Dank des Einsatzes aller Beteiligten konnten wir die damit verbundenen Herausforderungen meistern und am 16. März erfolgreich unsere erste Online-Vorlesung über die Plattform Zoom halten. Seitdem gingen alle Vorlesungen und Kolloquien online über die Bühne, und zwar zur exakt gleichen Zeit, wie wenn sie im Hörsaal stattfänden. Wir halten dies für den besten Weg, die Studierenden dabei zu unterstützen, zumindest einen Teil ihres normalen Studienalltags beizubehalten.

Vorlesungen

Für die Vorlesungen profitierten wir von unserer Lehrplattform concrete.ethz.ch, die wir im Jahr zuvor eingerichtet hatten: Alle Lehrmaterialien waren also für die Studierenden bereits online verfügbar. Naja, nicht wirklich alle: Die Wandtafel konnte natürlich nicht auf die Lehrplattform hochgeladen werden, und einen geeigneten Ersatz für dieses didaktische Werkzeug zu finden, das viele Studierende trotz seiner altmodischen Anmutung den Powerpointfolien vorziehen, war eine große Herausforderung. Im Frühjahrssemester 2020 habe ich zunächst MS Whiteboard verwendet, das meine Schrift zwar krakelig aussehen liess, aber ansonsten anständige Ergebnisse lieferte. Allerdings bereitete der Touchscreen meines Windows-Laptops regelmässig Probleme. Daher wechselten wir zum Herbstsemester, in dem auch Dr. Jaime Mata Falcón unterrichtet, auf ein iPad. Während das Schreiberlebnis des iPads deutlich besser war, war sein Display bei direkter Freigabe unscharf, und wenn es über einen Windows-Laptop gekoppelt war, brach die Verbindung häufig ab. Deshalb verbinden wir das iPad jetzt über ein MacBook. Zudem benutze ich jetzt auch den Lehr-Laptop unserer Gruppe, dessen Touchscreen besser funktioniert als jener meines persönlichen Notebooks. Mit diesem kann ich dadurch als Teilnehmer der Vorlesung beitreten und so überwachen, dass diese korrekt gestreamt wird. Mit all diesen Geräten sieht mein Schreibtisch während der Vorlesungen aus wie derjeinige eines Technik-Nerds, der Geräte für ein Laptop-Magazin testet. Nachdem unser Stream der Vorlesung nun diese Odyssee durchlaufen hat, hat sich ironischerweise die Anzeigequalität von iPads, die direkt in Zoom-Meetings geteilt werden, kürzlich durch ein Software-Update drastisch verbessert…

Die Vorlesung “Bridge Design”, die wir im Frühjahrssemester 2020 zum ersten Mal unterrichteten, beinhaltet einerseits Gastvorträge von renommierten Brückenbauern und andererseits Flipped-Classroom-Übungen. Die Umstellung der Gastvorlesungen auf das Online-Format war bedauerlich, hat aber gut funktioniert. Auch die Flipped-Classroom-Übungen konnten erfolgreich online durchgeführt werden, indem die Studierenden in einem gemeinsamen Meeting auf Breakout-Räume verteilt wurden.

Kolloquien

Neben den Vorlesungen umfassen die Lehrveranstaltungen im Fach Stahlbeton auch Kolloquien, die von Hilfsassistierenden in kleineren Gruppen unterrichtet werden. Dank der Kompetenz und des Einsatzes unserer HilfsassistentInnen ist es uns gelungen, auch diese während des FS2020 nahtlos auf das Online-Format umzustellen. Ein zusätzlicher positiver Aspekt sind die Web-Applikationen, die wir kürzlich im Rahmen eines Innovedum-Projekts entwickelt haben: Diese können von den Studierenden selbständig, aber auch in Vorlesungen und Kolloquien genutzt werden (mehr zu diesen Web-Applikationen und dem gesamten Innovedum-Projekt in einem unserer nächsten Blogs).

Arbeiten von Studierenden

Für die Betreuung der Studierendenprojekte greifen wir im Wesentlichen auf die gleichen Online-Tools zurück wie für die Vorlesungen. Während der ersten Phase der Pandemie, im März und April 2020, waren wir jedoch mit einem Shutdown der gesamten ETH konfrontiert, einschliesslich Büros und Labors. Dies beeinträchtigte mehrere experimentelle Projekte Studierender, die wir auf theoretische Arbeiten umstellen mussten. Dank der Flexibilität und des Einsatzes der Studierenden und ihrer Betreuer konnten alle diese Projekte dennoch erfolgreich abgeschlossen werden. Seit dem Herbstsemester 2020 sind experimentelle Projekte für Studierende wieder möglich.

Prüfungen

Glücklicherweise erlaubte es die Pandemie-Situation zum Zeitpunkt der regulären Prüfungssessionen, unsere schriftlichen Prüfungen in physischer Präsenz abzuhalten. Während dies auch für die mündlichen Prüfungen im Sommer 2020 möglich war, mussten wir diese im Winter 2021 auf ein Online-Format umstellen. Dies war eine weitere Herausforderung, da die Studierenden in unseren Prüfungen Lösungen zu den gestellten Aufgaben skizzieren. Auch dies konnte dank des Einsatzes und der Flexibilität aller Beteiligten erstaunlich gut gemeistert werden. Insgesamt scheinen die Leistungen der Studierenden in den Klausuren während der Pandemie allerdings leicht unter denen der Vorjahre zu liegen. Das kann allerdings auch dadurch bedingt sein, dass im Sommer 2020 im Falle eines Nichtbestehens der Prüfungen kein Fehlversuch angerechnet wurde – normalerweise kann eine Prüfung nur maximal zweimal abgelegt werden. Vielleicht liessen sich einzelne Studierende dazu verlocken, weniger gut vorbereitet zu einer Prüfung anzutreten?

Schluss

Der Übergang vom Präsenz- zum Online-Unterricht verlief sehr gut; sogar viel reibungsloser, als ich es erwartet hatte. Das wäre ohne die leistungsfähigen Online-Konferenz-Tools, die heute zur Verfügung stehen, unmöglich gewesen. So sehr wir uns auch über Softwarefehler beklagen mögen: Kann sich jemand vorstellen, wie die ETH mit dieser Pandemie umgegangen wäre, wenn sich das Virus entschieden hätte, 20 Jahre früher aufzutauchen?

In der Tat haben Online-Vorlesungen ihre Vorteile. Sie können im eigenen Tempo angeschaut werden. Unklare oder schwierige Passagen können nachgespielt und langweilige übersprungen werden – ich hoffe allerdings, unsere Studierenden benötigen letztere Funktion nicht allzu oft. Aufgezeichnete Vorlesungen den Studierenden zur Verfügung zu stellen, ist also auch nach der Rückkehr in die Präsenzlehre eine Überlegung wert. Zudem ist es viel einfacher, Gastvorträge von namhaften Referenten aus dem Ausland zu organisieren, wenn diese nicht anreisen müssen. Was Letzteres betrifft, so hat uns die Pandemie auch gelehrt, dass physische Anwesenheit nicht immer notwendig ist. Ich bin überzeugt, dass wir nach der Pandemie weniger reisen und damit effizienter sein werden, und gleichzeitig die Umwelt weniger belasten.

Allerdings können Online-Meetings die physische Anwesenheit nicht vollständig ersetzen. Dies gilt nicht nur für Aktivitäten wie Exkursionen oder experimentelle Arbeiten, sondern genauso für Aufgaben, die grundsätzlich durchaus remote durchgeführt werden können. Zum Beispiel können Online-Projektpräsentationen den Studierenden nicht die Erfahrung bieten, persönlich vor einem Publikum zu präsentieren. Ebenso vermisse ich das Feedback der Studierenden in meinen Online-Vorlesungen sehr – auch wenn dieses, abgesehen von einigen Fragen in den Pausen, meist nonverbal war. Und wenn ich an mein eigenes Leben als Studierender zurückdenke, dann gibt es nicht viel, was ich lieber “online” gemacht hätte.

Heute ist nicht klar, wie lange wir wegen der Pandemie noch aus der Ferne unterrichten müssen. Nur zur Erinnerung: Der Masterplan unserer Schulleitung vom 15. April 2020 sah eine Rückkehr zum Normalbetrieb bis zum Herbstsemester 2020 vor (was viele pessimistisch fanden). Dennoch hoffe ich, dass wir spätestens ein Jahr nach diesem Termin, also im Herbstsemester 2021, zum Präsenzunterricht zurückkehren können. Wann auch immer es soweit sein wird, ich freue mich schon jetzt darauf.


Walter Kaufmann